Selbstheilende Lacke fürs Auto
Kratzspuren am Auto verschwinden jetzt dank eines selbstheilenden Lacks. Bei der extrem elastischen Oberfläche genügen schon ein paar warme Sonnenstrahlen, und kleine Kratzer fließen wieder glatt und glänzend zusammen.
Chlor ist einer der wichtigsten Grundstoffe für die chemische Industrie. Das reaktionsfreudige Element wird zum Beispiel für ein Vorprodukt benötigt, das dann zur Herstellung eines neuartigen Polyurethanlackes eingesetzt wird. Ergebnis: Kleine Kratzer im Autolack heilen von selbst.
Kleine Kratzer heilen von selbst
Liebe macht blind. Nur leider nicht jeden in seinen Wagen verliebten Autobesitzer, wenn er früher oder später eben doch kleine Kratzer auf dem Lack entdeckt. Solche Mini-Blessuren haben schon vielen die Stimmung verdorben.Denn vom Rollsplitt im Winter, über die Baumblüte bis hin zum nächtlichen Stelldichein der Katzenclique auf der Motor-haube – all dies hinterlässt Spuren im Autolack. Aber das ändert sich bald: Eine Neuentwicklung aus den Chemielaboren kann den Lackstift schon bald überflüssig machen. Der Autolack der Zukunft repariert sich von selbst. Kleine Kratzer und Blessuren verschwinden von ganz alleine.
Das Geheimnis für die Revolution auf der Kühlerhaube liegt in der Zusammensetzung der äußersten Schicht der Lackierung, die aus einer neuartigen Polyurethanmischung besteht. Polyurethan mit der Abkürzung PUR oder PU ist ein besonders vielseitiger Kunststoff. Wird dieser neue PUR-Lack erwärmt, fließen die kleinen Blessuren auf dem Autoblech einfach wieder zusammen. Dazu reicht schon die Sonneneinstrahlung an sommerlichen Tagen. Weil die verwendeten Lackrohstoffe wesentlich dünnflüssiger sind als die herkömmlichen, können Autohersteller außerdem weniger Lösungsmittel einsetzen. Der neue Lack ist deshalb besonders umweltfreundlich.
Der Lack der Zukunft ist in ständiger Bewegung
Mal spannt es, mal schrammt es – im Autolack ist immer was los. Die Anforderungen an die oberste Schutzschicht sind enorm: Sie soll extremen Temperaturen von plus 70 bis minus 30 Grad Celsius widerstehen, aber auch aggressiven Verschmutzungen wie Streusalz, Baumharz und Vogelkot. Daneben muss sie beim Waschen den winzigen Schmutzteilchen an Schwamm oder Bürste standhalten und ist auch noch UV-Bestrahlung oder hoher Luftfeuchtigkeit ausgesetzt. Doch eine hohe Kratzfestigkeit und das weiche Zusammenfließen kleiner Vertiefungen ähnlich wie bei warmem Kerzenwachs in einem Lack vereinen? Das galt bisher als unmöglich.
Um an der Härte des Lacks nicht zu rütteln, knöpften sich die Wissenschaftler die „inneren Werte“ der Oberflächenbeschichtung vor. Entscheidend für die Selbstheilungsfähigkeit des Lacks sind die Dichte des Molekülnetzes und die so genannte Glastemperatur, also der Übergangspunkt, bei dem das Netz der Lackmoleküle glasartig erstarrt und fest wird. Je niedriger diese Temperatur ist, desto besser das Fließverhalten – und in diesem Fall die Selbstheilungskraft. Doch ist der Lack zu weich, kann er nicht mehr geschliffen oder poliert werden. Also verstärkten die Lackforscher die Dichte des Molekülnetzes durch eine veränderte Zusammensetzung der Rohstoffanteile.
Was die Kratzspuren von Katzen anbelangt: Die Krallen der getigerten Vierbeiner bestehen ebenso wie unsere Fingernägel aus Horn, einer relativ weichen Substanz. Kratzer könnten vielmehr – ähnlich wie in einer Waschbürste – die kleinen Steinchen oder Sand verursachen, die sich zwischen dem Ballen und im Fell der Stubentiger festsetzen. Tiefe Kratzrillen wie auf einer Baumrinde werden auf dem geliebten Auto eher nicht zu entdecken sein – und allemal nicht, wenn der selbstheilende Lack erst in die Serienproduktion geht.






