Große Zukunft mit kleinsten Teilchen

Lacke sind Beschichtungsstoffe mit vielen Eigenschaften. Längst sind Oberflächenschutz und dekorative Aspekte Selbstverständlichkeiten, im Vordergrund stehen heute spezielle Funktionen für die unterschiedlichsten Anwendungen. Der Einsatz kleinster Teilchen spezifischer chemischer Stoffe nutzt deren besondere Oberflächeneigenschaften. Bekannte Produkte sind selbstreinigende Beschichtungen („Lotus-Effekt“), beispielsweise für Dachziegel oder Hausfassaden. Schmutzpartikel haften besser an Wassertropfen als an der beschichteten Oberfläche und werden durch den Regen abgewaschen. Bei Korrosionsschutz und UV-Stabilität hoffen die Lackentwickler auf Nanosysteme. In der Autoindustrie sind längst Nanoteilchen im Einsatz, die enorme Kratzfestigkeit mit hoher Elastizität verbinden, ein Stumpfwerden verhindern und als Perlglanzpigmente sogar Lacke ermöglichen, die je nach Blickwinkel die Farbe ändern.

Bereits heute können viele weitere Funktionen in moderne Beschichtungen integriert werden, wobei nicht nur zahlreiche anwendungsspezifische und damit ökonomische Vorteile, sondern auch Nachhaltigkeitseffekte zum Tragen kommen. Betrachtet man Emissionen und Umweltwirkungen nanotechnologiebasierter Beschichtungen, werden hohe Ressourcen- und Ökoeffizienzpotenziale in den Verarbeitungs- und Gebrauchsphasen deutlich. Gleichzeitig werden die spezifischen Einsatz-möglichkeiten der Nanotechnologie jeweils gemäß ihrer Anwendung untersucht.

Eine Reihe innovativer Nanobeschichtungen sind heute am Markt, viele stehen vor der Einführung, weitere befinden sich in entscheidenden Entwicklungsphasen oder sind patentiert.

Nanotechnologie – was versteht man darunter?

Nanotechnik, Nanowissenschaft, Nanotechnologie – in Tagesmedien und Fachzeitschriften sind diese Begriffe ständig zu finden. Was ist eigentlich darunter zu verstehen? Und was verbindet die Nanotechnologie mit der Lackindustrie?

Der Nanotechnologie wird eine Schlüsselfunktion zugeschrieben, die sich in den nächsten Jahren ökonomisch, ökologisch und sozial auswirken wird. Da sie als bedeutendster Technologiesprung des 21. Jahrhunderts gilt, fallen die Marktprognosen überaus optimistisch aus. Für 2010 wird weltweit ein Marktvolumen zwischen 50 Milliarden und 1 Billion, für 2015 zwischen 1 Billion und 2 Billionen US-Dollar prognostiziert. Das derzeitige Marktvolumen beträgt 7,6 Milliarden US-Dollar.

Die Vorsilbe „nano“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet Zwerg. Ein Nanometer ist der milliardste Teil eines Meters. Das ist etwa ein Fünfzigtausendstel des Durchmessers eines menschlichen Haares.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung definiert den Begriff wie folgt: „Unter Nanotechnologie wird der Aufbau, die Analyse und die Anwendung von funktionalen Strukturen, Molekülen oder auch inneren und äußeren Grenzflächen verstanden, die sich im Größenmaßstab unterhalb von 100 Nanometern bewegen. Gleichzeitig müssen diese Strukturen neue Funktionen oder Eigenschaften besitzen, die unmittelbar an die Größenskala gekoppelt sind und so in der Makrowelt nicht realisierbar wären.“

Im internationalen Vergleich der Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten liegt Deutschland bei Publikationen auf Platz drei hinter den USA und Japan, bei den Patentanmeldungen auf Platz zwei hinter den USA.

Aufgrund ihres geradezu unerschöpflichen Innovationspotentials und breiten Anwendungsspektrums – beispielsweise in den Bereichen Medizin, Kosmetik, Energieerzeugung, Materialwirtschaft, Informations- und Sicherheitstechnik, nicht zuletzt auch Lackanwendung – wird die Nanotechnologie intensiv gefördert.

Die Lackindustrie fördert den Standort Deutschland

In der Forschung zur Nanotechnologie besetzt Deutschland einen Spitzenplatz in der Welt. Nur die USA forschen mehr. In der Umsetzung für den Markt rangiert Deutschland allerdings hinter den USA und Japan. Hier muss aufgeholt werden, soll sich Geschichte nicht wiederholen. Nicht zum ersten Mal wurden in Deutschland wesentliche Grundlagen für innovative technologische Errungenschaften entwickelt, während später andere Länder bei der wirtschaftlichen Umsetzung triumphierten.

Für die Lackindustrie sind die Rahmenbedingungen nicht gerade optimal. Das 2007 in Kraft getretene europäische Chemikalienrecht (REACH-Verordnung), bei dem die Sicherheitsaspekte der eingesetzten Stoffe in allen Bereichen des Herstellungs- und Verarbeitungsprozesses im Vordergrund stehen, wird Ressourcen binden und erhebliche Kosten in den Unternehmen verursachen, gerade auch im Forschungsbereich: Vorrangig werden alternative Rezepturen für bestehende Herstellungsprozesse zu entwickeln sein, statt in neue Technologien investieren zu können.

Die für die Lackindustrie relevante Gesetzgebung im eigenen Land wiederum ist unwägbar. Kennzeichnend ist ihre mangelnde Stabilität, die eine zügige Produktentwicklung von der Grundlagenforschung bis zur Marktreife behindert. Eine ideologisch motivierte Umweltgesetzgebung, bei der die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gewahrt ist, kann zu einem Investitionshemmnis werden.

Investition ist ein weiteres Stichwort: Ein Großteil der Lackhersteller – darunter sehr viele forschende Betriebe – gehört zu den kleinen und mittleren Unternehmen. Sie sind dringend auf Fremdkapital angewiesen, wenn in neue Technologien und deren Umsetzung investiert werden muss. Der Zugang zu Risikokapital für den innovativen Mittelstand wäre zu erleichtern und böte letztendlich auch für die Finanzmärkte interessante Perspektiven.

Dass eine Verbesserung der Rahmenbedingungen auch dem Arbeitsmarkt zugute kommt, lässt die Beschäftigungssituation in der Branche deutlich erkennen. Die Aussichten für technische Berufe in der Lackindustrie sind hervorragend, ein Mangel an qualifizierten Fachkräften ist bereits absehbar.

Die Förderung der Nanotechnologie in den vorgenannten Bereichen sichert nicht nur die bestehenden Arbeitsplätze, sondern vergrößert das Beschäftigungsangebot innerhalb der Branche wie auch in allen Bereichen der Anwender und Verarbeiter deutlich.

Das wirtschaftliche Gesamtpotenzial, das sich aus der Innovationskraft der deutschen Lackindustrie ableitet, bedingt geradezu, den neuen Technologien offen gegenüberzustehen und die damit verbundenen Chancen für den Standort Deutschland entschlossen zu nutzen.

 

Leistungsgemeinschaft für Fassaden- und Innenputze

 

Lackchemie in 52 Kapiteln - eine Sammlung der Gesellschaft deutscher Chemiker

 

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Aktualisierung: 
1. September 2011