Sorgenkind Rohstoffversorgung

Die Farben- und Lackhersteller werden durch die aktuelle Lage auf den Rohstoffmärkten extrem belastet. Die Fertigung von Beschichtungsmaterialien wird mit Lieferengpässen oder Kontingentierungen von Rohstoffen konfrontiert, was zu Lieferverzögerungen an Handel und Handwerk führen kann. Die Herstellung von Lacken und Farben leidet zudem unter der Preispolitik der Rohstofflieferanten, die teilweise im Vierteljahrestakt Preiserhöhungs-Mitteilungen verschicken. Da in der Lack- und Farbenbranche die Einstandskosten für Rohstoffe im Durchschnitt 50 Prozent der Herstellungskosten ausmachen, ist kaum noch eine zukunftssichere Kalkulation möglich.

Besonders dramatisch ist die Lage nach Angaben des Verbandes der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie beim Weißpigment Titandioxid. Dieses auch „Titanweiß“ genannte Pigment wird industriell hergestellt und in zahlreichen Produkten verarbeitet. Titandioxid hat den höchsten bekannten Refraktionsindex und somit ein enormes Deckvermögen, was insbesondere bei der Herstellung von weißen Beschichtungen wichtig ist. Es ist ungiftig, wetter- und hitzebeständig; Vergilbung tritt selbst bei Verwendung im Außenbereich nicht auf. Titanweiß ist ein Allround-Talent bei der Herstellung von weißen oder farbigen Lacken und Farben, denn es kann mit allen gängigen Bindemitteln verwendet und mit anderen Pigmenten vermischt werden. Deshalb ist es in den meisten Lack- und Farbrezepturen auch nicht ohne weiteres zu ersetzen. Die Lack- und Farbenhersteller mussten in den letzten neun Monaten mehrere Preiserhöhungen dieses Rohstoffs hinnehmen. Die Preissteigerungen lagen dabei bei rund zehn Prozent pro Quartal.

Ausmaß und Geschwindigkeit der Preisanhebungen beim Titanweiß haben viele Mittelständler überrascht. Seit Herbst 2010 wurden die erwarteten Preiserhöhungen um bis 30 Prozent überschritten, berichten die Firmen. „Die Preiserhöhungen kamen viel früher als üblich und waren auch sehr viel höher, als wir erwartet haben,“ äußerte dazu der Geschäftsführer einer Lackfabrik. In Schwierigkeiten geraten nun vor allem die Hersteller, die Standard-Produkte an den Großhandel oder in Baumärkte liefern. Für sie wird es schwer, die Kostenexplosion beim Rohstoffeinkauf durch interne Maßnahmen aufzufangen. Viele Firmenchefs und Einkaufsverantwortliche fühlen sich von ihren Rohstofflieferanten im Stich gelassen und vermissen ein gewisses Entgegenkommen bei der Materialversorgung.

Die Rohstoff-Hersteller sehen das naturgemäß anders. Ein Teil der Preisanpassungen sei den enorm gestiegenen Energiekosten geschuldet und werde nur an die Kunden „durchgereicht“, heißt es. Die Kapazitätsengpässe und Lieferbeschränkungen dagegen werden mit der langfristigen Preisentwicklung begründet:

Die Preise für Titandioxid, so argumentiert die Titanbranche, lägen heute inflationsbereinigt auf dem Niveau von vor 15 Jahren. All die Jahre sei die Herstellung von Titandioxid kein ertragreiches Geschäftsmodell gewesen, deshalb hätten sich auch zahlreiche Produzenten aus dem Markt verabschiedet. Bevor die verbliebenen Unternehmen nun Geld in die Kapazitätsausweitung investierten, müssten sie erst einmal zu einer Einschätzung gelangen, wie belastbar der neue Nachfrageboom überhaupt sein werde. Selbst wenn die Titandioxid-Produzenten zu einer positiven Marktprognose kommen sollten, werde sich in Europa kurzfristig an der Versorgungslage wenig ändern. „In Deutschland geht ohne Neubau nichts,“ sagte dazu ein Firmensprecher. „Wir reden hier über Jahre. Die Investitionsentscheidung im Vorstand ist doch erst der Anfang. Danach muss geplant, genehmigt und gebaut werden, und Baugenehmigungen dauern in Deutschland sehr lange.“

Leistungsgemeinschaft für Fassaden- und Innenputze

 

Lackchemie in 52 Kapiteln - eine Sammlung der Gesellschaft deutscher Chemiker

 

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Aktualisierung: 
1. September 2011