Warum enthalten Lacke und Farben Konservierungsstoffe?

Ein Interview mit Dr. Hans-Joachim Weintz, Mitglied des Technischen Ausschusses Bautenanstrichmittel (TKB) und der Projektgruppe Verbraucheraufklärung des Verbandes der deutschen Lackindustrie e.V.

LiG: Zur Schonung von Umwelt- und Raumklima wurde der Lösemittelgehalt in Farben und Lacken insbesondere für die Innenanwendung immer weiter abgesenkt. Lösemittel wurden durch Wasser ersetzt. Heute gibt es schon sogenannte lösemittelfreie Anstrichsysteme. Was muss man darunter verstehen? Und wo liegen die Probleme solcher Produkte?

Weintz: Als lösemittelfrei gelten nach der VdL-Richtlinie 01 des Verbandes der deutschen Lackindustrie Anstrichmittel mit einem Gehalt kleiner 1 Gramm pro Liter, das ist deutlich weniger als 0,1 %. Lösemittelfreie Lacke und Farben bieten allerdings eine hervorragende Lebensgrundlage für Mikroorganismen und sind eine bevorzugte Nahrung für Bakterien und Pilze. Da diese Anstrichmittel entsprechend schnell – schon innerhalb weniger Tage – von solchen Schädlingen befallen würden und durch üblen Geruch und extrem gesundheitsschädliche Sporen, z.B. von Schimmelpilzen die Gesundheit gefährden würden, müssen solche Farben durch Konservierungsmittel geschützt werden. Aflatoxine aus Schimmelpilzen gehören zu den stärksten krebserzeugenden Giften überhaupt! Dazu diente früher in erster Linie Formaldehyd, das jedoch aufgrund seines gesundheitsschädlichen und allergenen Potentials für Innenwandfarben kaum mehr eingesetzt wird.


LiG: Welche Alternativen setzt die Industrie heute ein?

Weintz: Als wirksames Breitband-Konservierungsmittel wurde (und wird immer noch) dafür in Kosmetik und lösemittelfreien Farben das Chlormethylisothiazolinon (CIT oder auch CMI oder MCI) eingesetzt, üblicherweise als 3:1 Gemisch mit seiner synthetischen, unchlorierten Vorstufe, dem Methylisothiazolinon (MIT oder MI). Durch die weite Verbreitung vor allem in Kosmetika (zum Beispiel Cremes, Shampoos, Reiniger) und den dadurch vorkommenden Hautkontakt haben sich viele Menschen sensibilisiert und reagieren allergisch bei Kontakt mit Farben. Hierauf bezieht sich eine Untersuchung des UBA. (Anm. der Red.: Dr. E. Roßkamp et al., "Biozidemissionen aus Dispersionsfarben" WaBoLu-Hefte 2/02.)


LiG: Isothiazolinone gehören doch zu den Stoffen, für die es verbindliche Regeln zum Einsatz gibt?

Weintz: Ja. Der allergenen Wirkung von CIT Rechnung tragend, wurde in der 28. Anpassung der europäischen Gefahrstoff-Richtlinie die kennzeichnungsfrei einsetzbare Menge an CIT/MIT (3:1) auf 15 ppm (Milligramm pro Kilogramm; = 0,0015 %) begrenzt. Üblicherweise wurden teilweise ca. 50 ppm zur Konservierung von Farben eingesetzt, was dem gültigen Grenzwert des RAL für den Blauen Engel für Wandfarben entspricht. Demnach kann es Dispersionsfarben geben, die sowohl mit dem "Blauen Engel – weil emissionsarm" und den Gefahrenhinweis: "Xi – Sensibilisierung durch Hautkontakt möglich!" gekennzeichnet sind.


LiG: Warum macht das UBA Front gegen Konservierungsmittel, wenn es diese selbst in Konzentrationen oberhalb der Gefahrenkennzeichnung zulässt? Was tut die Lackindustrie, um eine solche Doppelkennzeichnung zu vermeiden?

Weintz: Die Frage ist in der Tat berechtigt. Im Interesse des Anwenders ist eine differenzierte Betrachtung angebrachter, als eine Pauschalierung, wie sie das UBA in diesem Bericht vornimmt..
Zur Vermeidung von allergischen Reaktionen der Anwender wird daher üblicherweise die Konservierung auf die individuelle Formulierung in Zusammensetzung und Menge der Konservierungsstoffe angepasst. Eine Konservierung nach dem "Gießkannenprinzip" erfolgt nicht. CIT kommt nur dort zum Einsatz, wo es unbedingt zur Konservierung erforderlich ist und dann in Konzentrationen unterhalb von 15 ppm. 
Die Lack- und Farbenindustrie ist sehr an Alternativen zu den bisherigen Konservierungsstoffen interessiert und arbeitet mit den Wirkstoff-Herstellern eng zusammen. Mit einem breiten Einsatz wirkungsvoller und dennoch risikoarmer Konservierungsstoffe ist jedoch aufgrund der langwierigen und sehr kostenintensiven Prüf- und Zulassungsverfahren (Stichwort REACH) und der dann erst möglichen Aufnahme in die Liste der zugelassenen Konservierungsstoffe des Blauen Engels kurzfristig nicht zu rechnen. 
 

LiG: d.h. kurzfristig ist man an die vorhandenen K. gebunden – was kann man dennoch tun, um die eingesetzten Mengen zu reduzieren? Was halten Sie von der Aussage, dass es möglich sei, den Konservierungsmittel-Gehalt durch die Auswahl hochwertiger Rohstoffe und durch eine besondere Produktionshygiene zu reduzieren?

Weintz: Dies ist richtig und wird auch angewendet. Die Herstellung mild konservierter Dispersionen und Lacke erfordert ein Höchstmaß an Hygiene und die hygienische Kontrolle sämtlicher Rohstoffe, der gesamten Anlage sowie der produzierten Fertigprodukte. Ein Hersteller hat sich bereits nach den Richtlinien der Lebensmittelindustrie durch die Landesgewerbeanstalt Bayern in Nürnberg (LGA) auditieren und zertifizieren lassen. Die unteren Grenzen der Biozidkonzentration liegen jedoch bei der sogenannten Minimalen Hemmkonzentration (MHK), das ist die Konzentration, bei der die Mikroorganismen gerade noch sicher abgetötet werden. Sobald die stärksten und widerstandsfähigsten überleben, bilden sich durch diese Auslese binnen weniger Stunden resistente Stämme, die immun sind gegen die angewendeten Konservierungsmittel. Dies ist auf alle Fälle strikt zu vermeiden! Ein betroffenes Gebinde würde zur Gesundheitsgefahr und wäre nicht mehr zu gebrauchen; für eine Produktionsanlage würde dies zum Umkippen der Anlage führen – GAU und Horrorszenario eines jeden Farbenherstellers! Die Hygiene der Anlagen und der darin verwendeten Rohstoffe ist daher von allergrößter Bedeutung für die Stabilität der und Unbedenklichkeit des verarbeitenden Betriebes.


LiG: Sie kennen die auch in der Presse oft zitierte Aussage, dass sogenannt  umweltfreundliche Natur- und Biofarben keine Konservierungsmittel benötigen. Was sagt der Lackchemiker dazu?

Weintz:  Die Tatsache, dass Naturfarben keine Konservierungsmittel benötigen, wird angesichts des hohen Lösemittelgehaltes der Naturfarben verständlich. Lösemittelhaltige synthetische Farben benötigen auch keine Konservierungsmittel! Bei den in Naturfarben enthaltenen Lösemitteln handelt es sich in der Regel um Terpene, die ihrerseits ein beträchtliches Allergiepotential bergen. Hier wird also oftmals der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Leistungsgemeinschaft für Fassaden- und Innenputze

 

Lackchemie in 52 Kapiteln - eine Sammlung der Gesellschaft deutscher Chemiker

 

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Aktualisierung: 
1. September 2011