Industriepolitik in Zeiten der Bauchgefühle
Der Frühsommer in Deutschland war bestimmt vom Atomausstieg und dem EHEC-Bakterium. Beides hatte mit Bauchgefühl zu tun. Gemeinsam war den Diskussionen, dass sie unlogisch, hektisch, panisch waren. Wenn diese Art der Gefühlspolitik ein Vorbote der Demokratie der neuen Art ist, dann wird sich die Industrie in Deutschland noch auf einige unerfreuliche Situationen einstellen müssen.
Zwar mahnen einige Politiker bei der Energiewende zu Vorsicht, damit nicht eine schleichende Deindustrialisierung als unerwünschte Nebenwirkung auftritt. Allerdings muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Bundesrepublik Deutschland eine Stadtrepublik ist, in der die neuen Großstädte mit ihren Bank- und Bürotürmen das Stadtbild prägen und nicht mehr alte Industriereviere. Das bestimmt unser gesellschaftliches Selbstbild: Die Industrie hierzulande gerät mehr und mehr ins Hintertreffen. Und das gilt verstärkt für kleine Branchen, die mit wenigen Beschäftigten in mittelständischen Spezialbetrieben unverzichtbare Industrieprodukte herstellen, beispielsweise die Lack- und Druckfarbenindustrie. Zwar gehört diese Branche nicht zu den großen Energieverbrauchern der Republik. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Lack- und Farbenproduktion zum Erliegen kommt, weil die Sonne nicht scheint, kein Wind weht und die großen Stromautobahnen vom Norden wegen Bürgerprotesten am Rand der deutschen Mittelgebirge enden, ist nicht sehr hoch.
Niemand will die Lack- und Farbenherstellung durch Beschneidung der Energiezufuhr aus dem Land vertreiben. Aber die Gleichgültigkeit gegenüber den Notwendigkeiten einer industriellen Fertigung ist erschreckender und gefährlicher, als eine aktive Gegnerschaft es sein kann. Die Industrie – vor allem, wenn es keine Großkonzerne gibt, an denen sich die Öffentlichkeit im Guten wie im Bösen abarbeiten kann – verschwindet zunehmend hinter dem Wahrnehmungshorizont der Gesellschaft. Und das ist bedenklich, denn immer noch ist der industrielle Kern Deutschlands die wesentliche Quelle unseres Wohlstands. Wir exportieren schick lackierte Autos, aber nicht die Dienstleistung der Volkshochschule. Wie wäre es mit einem Grundkurs „Gedächtnistraining“ für die politisch Verantwortlichen, damit die Interessen der Industrie nicht vergessen werden?
Ihr Michael Bross






