Nix drin
Ein Sonnenschutzprodukt wurde im Internet mit der Aussage „frei von Nano-Technologie* (*nach EU-Kosmetikverordnung)“ beworben. Das Produkt enthält aber Titanoxid-Teilchen von 12 Nanometern Durchmesser, die in sphärischem Silica verkapselt sind. Eine solche Silica-Kapsel wiederum ist zwar zwischen 2 Mikrometer und 7 Mikrometer groß. Das Landgericht Düsseldorf hat die werbenden Angaben aber als irreführend im Sinne des einschlägigen Gesetzes beurteilt, hierin also eine „zur Täuschung geeignete Angabe“ gesehen.
Vordergründig also nur ein Urteil über eine Firma, die ihre Kunden täuschen wollte? Mit einem technischen Trick und unter Ausnutzung von gesetzlichen Definitionen sollte die Wirkung von „Nano“ verheimlicht und zu „Mikro“ groß geredet werden. Im Prinzip altbekanntes Schlaubergertum, dem man auf die Schliche kam. Aber eins ist neu: Jetzt wird die Nanotechnologie versteckt!
Blicken wir mal ein paar Jahre zurück. „Magic Nano“ – das vermeintliche Wunderprodukt gegen Verschmutzung von Glas- und Keramikoberflächen – kam im März 2006 auf den Markt, musste jedoch schon nach kurzer Zeit als Krankmacher zurückgerufen werden. Und dann stellte sich zudem heraus, dass überhaupt keine nanoskaligen Bestandteile drin waren in „Magic Nano“. Der Zauber war also nichts als Schwindel, ein Marketing-Gag.
Man durfte sich seinerzeit schon wundern, mit welcher Selbstverständlichkeit nicht nur WC-Reiniger zu Wundermitteln erklärt wurden. Es konnte gar nicht genug Nano sein! Jeder wollte – so hatte es den Anschein – vom Glanz und der Verheißung einer neuen Technologie profitieren. Allerdings gab es auch Warnungen, den Begriff „Nano“ nicht übermütig zu verramschen: Man dürfe sich dann nicht beschweren, wenn in nicht allzu ferner Zukunft die Begeisterung für die Nanotechnologie in tiefe Skepsis und Verängstigung umschlagen würde.
Jetzt scheint es soweit zu sein! Ist das die Trendwende? Womöglich teilt Nano bald das Schicksal vieler Promis, die erst hochgejubelt werden, um sie danach genuss- und kunstvoll in den Dreck zu zerren. Wird, was als Hoffnungsträger nicht mehr taugt, nun zum Schreckgespenst?
Bislang war es schick, neue Produkte mit Nano zu machen. Jetzt geht es offenbar in die andere Richtung: „Nanofrei“ scheint für bestimmte Zielgruppen zunehmend wichtig zu werden; also ist es folgerichtig, dass die Konsumgüterhersteller darauf reagieren. Eine Renaissance des Natürlichen könnte man hier vermuten. Wahrscheinlich ist es jedoch nur ein Reflex der Marketing-Verantwortlichen, die an Aufstieg und Fall eines Produkttrends verdienen wollen.
Nanotechnologie ist jedoch weit mehr als Nanoteilchen und vor allem mehr als ein Marketing-Hype. Wir reden hier über ein wissenschaftlich-technisches Erkenntnisfeld, aus dessen Ergebnissen sich mitunter auch marktgängige Produkte gewinnen lassen. Mehr war es nie, aber weniger wird es auch nicht sein. Alles andere ist Übertreibung durch Reklame. Die haben wir vor fünf Jahren nicht gebraucht. Aber einem Umschlagen der Stimmung gegenüber Nano muss jetzt nicht durch Untertreibung und Verleugnen Vorschub geleistet werden. Wo Dinge verschwiegen werden, sprießen die Verdächtigungen, und Lügen haben bekanntlich kurze Beine, wie das Urteil des Gerichts bewiesen hat.
Die Vorschusslorbeeren für Nano ausbeuten zu wollen, ohne Nanotechnologie zu benutzen, ist genauso verwerflich wie die Nutzung von Nanoteilchen ohne ein wahrhaftiges Bekenntnis zu ihrem Einsatz. Beides sind Irrwege, die keineswegs nachhaltigen Produkt- und Markterfolg versprechen.
Ihr Michael Bross






