Risiko als Wahrscheinlichkeit eines negativen Gedankens

so definierte ein Referent der REACH-Informationsveranstaltung des Lackverbandes das postindustrielle Wahrnehmungsschema moderner Gesellschaften. Gerade, wenn wir über Lacke und Farben – oder noch schlimmer: über Chemie reden –, geht es kaum noch darum, sich mit echten Gefahren auseinanderzusetzen. Eher muss alles vermieden werden, was die Leute auf abwegige Gedanken über die Industrie und ihre Produkte bringen könnte. Der Nutzen eines Produktes ist, so dünkt es einem hin und wieder, sowieso nebensächlich. Beachtung findet nur das potentiell Negative, es zählen bloß Gefahr und Risiko!

Der Risiko-Forscher Ulrich Beck hat dazu in seinem neuen Buch verkündet, dass es völlig gleichgültig sei, ob die Welt „objektiv sicherer ist als alle vorangegangenen“. Was zähle, sei die „inszenierte Antizipation von ... Katastrophen“. Man müsste mal der Frage nachgehen, wer solche Inszenierungen eigentlich in Auftrag gibt, aber wir schauen allesamt viel zu selten hinter die Kulissen der potemkinschen Risikogesellschaft. Stattdessen verpflichten wir uns zu vorauseilendem Gehorsam in Form des Vorsorgeprinzips. Dass die Risiken, die uns vermeintlich umzingelt haben, in Wahrheit nichts anderes sind als (um noch einmal Beck zu bemühen) „das Spiegelbild unserer selbst, unserer kulturellen Wahrnehmung“ – das haben wir erfolgreich verdrängt. 

Wie ein Kind, das sich auf dem Rummelplatz fröhlich kreischend Angst einjagen lässt, dreht die Wohlstandsgesellschaft mit wohligem Schauer auf der Geisterbahn der inszenierten Risiko-Realität ihre Runden. Zukunftstaugliches Verhalten sähe anders aus. Optimismus ist gefragt und handfestes Anpacken von echten Problemen – die gibt es nämlich auch.

Die Lackindustrie in Deutschland tut das Ihre, um sich die Zukunft zu erschließen. Umweltschutz soll als Chance genutzt werden, sich neue Märkte im Ausland zu erobern, forderte der Präsident des Lackverbandes in seinem Lagebericht bei der Mitgliederversammlung des Lackverbandes in Regensburg. Mit modernen Lacken könnte das auch gelingen, wenn wir uns in Deutschland nicht wieder selbst im Wege stehen, wie schon so oft in der Vergangenheit.

Ihr Michael Bross

Juni 2007

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Lackchemie in 52 Kapiteln - eine Sammlung der Gesellschaft deutscher Chemiker

 

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Aktualisierung: 
1. September 2011