Farben weisen den Weg
Neben der Form und Größe ist die Farbe eine der elementaren Eigenschaften eines jeden Dinges. Die farbliche Gestaltung der Umwelt ist für die meisten Menschen in erster Linie eine Frage der Ästhetik. Dass Farben auch Signalfunktion besitzen und zur räumlichen Gliederung unserer Umgebung beitragen, tritt demgegenüber meist in den Hintergrund. Für sehbehinderte Personen stellt sich dies ganz anders dar: Gerade die Möglichkeiten der Orientierung im täglichen Leben, die verschiedene Farben und Farbkombinationen bieten, sind für sie von entscheidender Bedeutung. Erforderlich sind dazu - ganz im Gegensatz zum Designtrend Ton in Ton - deutliche Kontraste.
,,Lack im Gespräch“ hatte 1998 Themenheft erstellen lassen und Fachleute gebeten, die verschiedenen Aspekte der Orientierung für Sehbehinderte durch Farbe zu erläutern. Da immer wieder Anfragen zu diesem Thema eingehen, hat die Redaktion beschlossen, die Ausgabe 54 von „Lack im Gespräch“ (4.4 MB) als pdf-Datei in voller Länge im Internet zu veröffentlichen.
Als der Mensch im Laufe der Kulturgeschichte begann, die natürliche Farbe, die jedes unbehandelte Material aufweist, durch andere Farbtöne zu ergänzen oder zu ersetzen, hatte er damit neue Gestaltungsmöglichkeiten entdeckt: Mit Lacken und Farben lässt sich das Lebensumfeld verschönern. Eine Oberflächenbeschichtung hat zugleich einen schützenden Effekt. Neben der Ästhetik und der Schutzfunktion spielt die orientierende und signalgebende Wirkung der Farben heutzutage eine immer größere Rolle. Etwa 80-90 Prozent aller Umweltinformationen nimmt der gesunde Mensch mit dem Auge wahr. Dass eine Einschränkung des Sehens immer auch das Orientierungsvermögen beeinträchtigt, ist deshalb leicht nachvollziehbar.
Pigmente - der farbgebende Inhaltsstoff von Lacken und Farben: Kontrastreiche Kombinationen von Farbtönen unterstützen die Orientierung. Durch ihre Farbigkeit lassen sich Dinge besser unterscheiden: Es ist viel einfacher, ein Buch in einem Regal zu finden, wenn man weiß, welche Farbe es hat. Auch im Straßenverkehr dienen die Farben der Orientierung: Das aggressive Rot warnt vor möglichen Gefahren, das auffallende Gelb gemahnt zur Vorsicht, und das ruhige Grün signalisiert den Verkehrsteilnehmern Vorfahrt.
Für Menschen mit einer Sehbehinderung stellen sich Verkehrssituationen oft als ein verwirrendes und gefährliches Durcheinander dar: Hindernisse sind als solche nicht erkennbar, weil sie sich von der Umgebung nicht deutlich genug abheben: Warnzeichen dagegen werden nicht bemerkt, wenn sie in einer unübersichtlich gestalteten Umgebung mit vielen anderen Reizen konkurrieren. Eine Umgebung, die den Anforderungen von Sehbehinderten gerecht wird, erfordert daher ein klares Farbkonzept, das durch kontrastreiche Gestaltung die Orientierung unterstützt.
Die Signalfunktion von Farbtönen ist ein besonders deutliches Beispiel dafür, wie Farben unser Verhalten steuern. Daneben erzeugen Farbtöne auch psychologische Wirkungen: Die Farbwahrnehmung ist ein komplexer Vorgang, an dem wir ‚mit Leib und Seele’ beteiligt sind.
Farbe und farbliche Gestaltung sind also nicht nur schmückendes Beiwerk, sie haben eine wichtige soziale Funktion: Sehbehinderte finden sich leichter in ihrer Umgebung zurecht. Eine sachgerecht unterstützende Farbgestaltung trägt zu ihrer Integration bei und fördert ihre Selbständigkeit und Mobilität. Es ist die Aufgabe von Städteplanern, Architekten und Designern, auch diesen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden.






