Nicht schon wieder!

Mit Grausen erinnern sich viele mittelständische Lack- und Farbenhersteller an die Jahre 2003 bis 2007. Damals wurde in Brüssel die ambitionierteste Gesetzgebung der europäischen Geschichte durchgeboxt: REACH. Basierend auf einem Weißbuch der EU-Kommission wurde viel versprochen, zum Beispiel auch eine Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen chemischen Industrie. Hierzu fällt einem natürlich ein anderes Großprojekt der EU ein, das sich ebenfalls mit der Wettbewerbsfähigkeit befasste: die Lissabon Strategie. Anders als REACH wurde diese durchaus verfolgenswerte Idee aber ganz schnell zurückgezogen und vergessen gemacht.

Die REACH-Verordnung dagegen bahnt sich nun – wie eine Lawine durch den Wald zu Tale donnernd – ihren Pfad durch die Lieferkette. Statt umfassender Information über die Stoffe, die ein Zubereitungshersteller verwendet, ist nur totale Verunsicherung eingetreten. Früher handelte ein Lack- oder Druckfarbenhersteller nach bestem Wissen und Gewissen, jetzt herrscht Unwissen und Ungewissheit.

Damit es auch den Industrieunternehmen nicht allzu langweilig ist, wird jetzt schon die Revision der Verordnung geplant, bevor sie in allen Stufen endgültig umgesetzt ist. 2012 soll REACH novelliert werden. Noch weiß man zwar gar nicht, was alles schief läuft aus Sicht der Industrie, denn bis 2018 wird immer noch mit neuen Überraschungen zu rechnen sein. Aber manchen Leuten geht der Untergang der Industrie scheinbar nicht schnell genug. Während die zumeist mittelständischen Zubereitungshersteller noch mit der Umsetzung von REACH 1 kämpfen, sind interessierte Kreise schon damit befasst, den nächsten Sargnagel in das von der Konjunkturkrise angeschlagene Gebälk der deutschen Industrie klopfen zu klopfen. Was auf die Industrie zukommen könnte? Alle Zumutungen, die im Gesetzgebungsverfahren mühevoll abgewendet wurden, werden aus dem Abfalleimer der Geschichte wieder hervorgekramt: Absenkung der Mengenschwellen, Verschärfung von Prüfbedingungen. Und überhaupt: Die EU-Kommission hat einen Prüfungsauftrag erteilt Lücken i9n REACH zu suchen! Wo sollen die noch sein, fragt man sich.

Daraus folgt mal wieder: es erwischt immer den Falschen. Statt die Lissabon-Strategie, mit der die Europäische Kommission zum wettbewerbfähigsten Wirtschaftsraum der Welt gemacht werden sollte, ad acta zu legen, sollte man in jedem Falle darauf verzichten, REACH umzubauen, bevor es überhaupt zur Gänze wirksam wird. Ein bisschen erinnerte das an einen Baumeister, der ein verwirrendes und völlig irrsinniges Labyrinth gebaut hat, nun seine Gäste auf den Marsch durch diese Ungetüm schickt. Noch während die Leute auf dem Wege, sind wird am anderen Ende schon wieder umgebaut, damit nur ja keiner eine Chance hat, jemals den Ausgang zu finden. In diesem Sinne kann man nur sagen: Nicht schon wieder REACH! Einmal war mehr als genug!

Ihr Michael Bross

 

 

... zu anderen Themen wäre noch zu sagen:

  • Jahrhunderte lang suchte die Menschheit nach einer Maschine, die ganz von allein immer weiter laufen sollte. Die ohne Anstrengung der Menschen funktionierte und von ganz allein ihre Arbeit verrichtete. Schamanen, Scharlatane und Alchimisten versuchten sich an dem Wunderapparat, der Sorgen und Nöte zu beseitigen und die lästige Arbeit abzuschaffen vermöchte. Sie suchten nach einem Perpetuum Mobile
  • Wissenschaftler – wem steht da nicht das von Hollywood inszenierte Bild vom zerstreuten Professor vor Augen, der, getrieben von der Vision eines besseren Lebens für die Menschheit, in seinem Labor geheimniskrämerisch nach der großen Weltformel sucht. Ziele, Visionen, Kreativität, Begriffe, die schwer zusammen zu bringen sind mit dem Einheitsgrau der Bürokratie und dennoch gibt es Wissenschaftsbürokraten 

                                                                                                               

  • Finanzminister Steinbrück hatte einst alle „Lobbyisten in die Produktion“ schicken wollen; gedacht hat er bestimmt an einen Steinbruch. Gängigen Vorurteilen zufolge üben maßlose Lobbyisten stets maßlosen Druck aus, um das Gemeinwesen den Wirtschaftsinteressen gefügig zu machen.
  • Egal wohin man schaut - die Bürokratie ist schon da. Kein Wunder also, dass es allenthalben zur Bürokratie-Allergie kommt.....
  • Ein Orden für Alles Eine Ordensverleihung ist ein schönes Fest. Ergriffenheit macht sich breit, wenn den Teilnehmern durch würdevollen Vortrag beigebracht wird,
  • Vorne ist immer Platz! Natürlich nur, wenn man ganz vorne dabei ist. Ums Vorne-Dabei-Sein ging es auch bei der Mitgliederversammlung des Verbandes der deutschen Lackindustrie in Baden-Baden. 
  • Gerade, wenn wir über Lacke und Farben – oder noch schlimmer: über Chemie reden –, geht es kaum noch darum, sich mit echten Gefahren auseinanderzusetzen. Das postindustrielle Wahrnehmungsschema moderner Gesellschaften wird vom Risiko der Wahrscheinlichkeit eines negativen Gedankens beherrscht ...
  • Nur noch schlechte Nachrichten über Produkte scheinen poltisch korrekt. Verbraucherschutz steht im Zeichen des Misstrauens

 

 

 

Der Kommentar von:

Michael Bross

Redakteur des Informationsdienstes
"Lack im Gespräch"

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