• Denkmal und Farbe - Eine der buntesten Straßen Deutschlands

    „Wer die Farbe flieht, nichts vom Weltall sieht.“ (Paul Scheerbart)

    Wer in Magdeburg zum ersten Mal durch die Otto-Richter-Straße fährt, kann dort im wahrsten Sinne des Wortes sein blaues Wunder erleben. Denn unvermutet säumen außerordentlich farbenfrohe Hausfassaden – darunter auch zahlreiche blaue - auf beiden Seiten die Straße, die damit zu den buntesten Straßen Deutschlands zählt.

    Insgesamt handelt es sich um 11 Häuser, die zwischen 1904 und 1916 erbaut und Anfang der 1920er Jahre nach Entwürfen von Bruno Taut vom Architekten und Künstlers Carl Krayl umgesetzt wurden. Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde mit der Sanierung dieses Straßenzugs und der Rekonstruktion der Fassadengestaltungen begonnen, die heute wieder in der ursprünglichen Farbgebung leuchten, vielleicht sogar ein wenig intensiver, als dies in den 1920er Jahren mit den damaligen Fassadenfarben möglich war.

    Am eindrucksvollsten innerhalb dieses Ensembles ist wohl die expressionistische „Blitzfassade“ von Carl Krayl, deren Wiederherstellung 2006 abgeschlossen werden konnte. Daneben beeindruckt der gesamte Straßenzug durch seine abwechslungsreiche individuelle „kreischend bunte“ Farbigkeit. Auch die Putzoberflächen wurden zum Teil mit in die Gestaltung einbezogen. So ist in den Putz der Hausnummer 40b ein welliges Muster in den rotbraunen Putz eingearbeitet, was dem Haus eine geradezu orientalische Anmutung verleiht.

    „Wir wollen keine farblosen Häuser mehr bauen“

    Kein anderer Architekt hat das Thema Farbe und Stadt so radikal und so erfolgreich besetzt wie der Architekt Bruno Taut, der 1921 zum Magdeburger Stadtbaurat berufen wurde. Kurz darauf machte er Carl Krayl zum Leiter des Entwurfsbüros im Hochbauamt der Stadt. Mit seinem „Aufruf zum farbigen Bauen“ hatte Taut bereits 1919 ein Konzept für mehr Farbigkeit in den Städten vorgelegt, das er in seiner Amtszeit in Magdeburg umzusetzen versuchte. Denn er war der Meinung: „Die vergangenen Jahrzehnte haben durch ihre rein technische und wissenschaftliche Betonung die optische Sinnenfreude getötet.“ Graue Steinkästen waren ihm ein Gräuel, und so forderte er, dass es nun darum gehen müsse, „neben der Form das wesentlichste Kunstmittel im Bauen, nämlich die Farbe, anzuwenden.“

    Taut hatte sich in Bezug auf das farbige Bauen bereits mit dem Bau der Gartenstadt Falkenberg in Berlin einen Namen gemacht, die wegen ihrer expressiven Farbigkeit schon damals im Volksmund „Tuschkastensiedlung“ genannt wurde. In den nur knapp 36 Monaten seiner Amtszeit in Magdeburg ging er noch einen Schritt weiter: Er trieb neue Siedlungs-Konzepte für den sozialen Wohnungsbau voran. Daneben galt sein Hauptanliegen in Magdeburg vor allem der Gestaltung des Stadtbildes durch den Einsatz von Farbe, von sehr viel Farbe! Dies brachte Magdeburg den Titel „Die farbige Stadt“ beziehungsweise „Stadt des neuen Bauwillens“ ein. Unter Stadtmarketing-Gesichtspunkten war das Taut’sche Konzept erfolgreich, denn die farbige Verwandlung der Stadt in Verbindung mit der Umsetzung neuer Konzepte für den sozialen Wohnungsbau erfuhr eine große positive Resonanz in Fachkreisen und den Medien. Taut musste seine Vorstellungen jedoch in der Stadt selbst gegen erheblichen Widerstand durchsetzen.

    Der Magdeburger Farbenstreit

    Sein Aufruf zum farbigen Bauen, mit dem er die Magdeburger Hausbesitzer über die Lokalpresse aufforderte, gemeinsam mit dem Stadtrat Farbkonzepte zu entwickeln, rief ebenso heftige Zu- wie Abstimmung hervor und führte zu hitzigen Debatten in der Stadtverordneten-Versammlung. Dennoch gelang es Taut, seine Vorstellungen bei zahlreichen Projekten durchzusetzen. Schon 1922 waren rund 80 Fassaden in der Innenstadt nach seinen Entwürfen farbig gestaltet worden, darunter auch die Häuser in der Otto-Richter-Straße. Auch wenn die breite Bevölkerung die zunehmend farbige Gestaltung von Privathäusern, Kaufhäusern und öffentlichen Gebäuden, aber auch Kiosken und Uhren begrüßte, so sperrten sich viele Hausbesitzer gegen die neue Farbigkeit. Neben seinen „verordneten“ Gestaltungen, stellte Taut doch schon bald fest, dass „abseits davon – und das ist das Erfreulichste – es nun schon einige selbständige Versuche von Malern und Besitzern gibt, mit der furchtbaren Graupinselei zu brechen. Zwar leibt manches noch in angstvollen Brechtönen…“, doch insgesamt schien der Stadtbaurat mit dem Fortgang des farbigen Bauens zufrieden, denn schließlich war es „ganz einfach die Absicht, die guten Straßenzüge in Erscheinung zu bringen.“

    Sprayer mit Respekt vor Fassadengestaltung

    Auch wenn Taut Magdeburg 1924 schon wieder verließ, um nach Berlin zurückzukehren, wurden seine Konzepte und Pläne von seinem Nachfolger Johannes Göderitz in den nächsten Jahren weiter verfolgt. Nicht zuletzt diesen visionären Stadtgestaltern ist es zu verdanken, dass Magdeburg in den Folgejahren einen beträchtlichen Aufschwung erlebte. Heute sind die Errungenschaften des Taut’schen Farbkonzepts an vielen Stellen in Magdeburg wieder deutlich sichtbar, wenn auch nicht immer so auffällig und außergewöhnlich wie in der Otto-Richter-Straße. Viele Architekten haben dieses besondere Zusammenspiel von Architektur und Farbe, das für Magdeburgs Entwicklung im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts charakteristisch ist, in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aufgegriffen, so dass Magdeburg sich heute als bunte Stadt präsentiert.

    Respekt vor dieser historischen und künstlerischen Farbgestaltung in der Otto-Richter-Straße scheinen auch die Graffiti-Sprayer zu haben. Kein Tag oder Graffiti verunstaltet die seit ihrer Restaurierung in den späten 1990er Jahren intensiv farbigen Wände. Nur auf den weiß verputzten Giebelwänden am Ende der Straße finden sich zaghafte Versuche.

    Taut und die Farbigkeit von Denkmälern

    Taut hatte aber auch zum Denkmalgedanken eine Meinung, die die heutigen Behörden wohl nicht teilen würden. „Färbt man also heute, dann muss solche neue Farbigkeit schon in dem Sinne der räumlich veränderten Sachlage geschehen, die mit dem heutigen Auge und nicht mit zeitlich zurückversetzten zu betrachten ist. Farbenarchäologie ist so gesehen ein unnützes Bemühen. Unsere gotischen Dome in alter Art farbig rekonstruieren zu wollen, hieße gleichzeitig ihre wundervolle Patina vernichten.“

    Quellen:
    Bruno Taut: Frühlicht 1920-1922: Eine Folge für die Verwirklichung des neuen Baugedankens

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