• Denkmal und Farbe – Keine graue Maus! Das Alte Rathaus von Celle

    Die Altstadt von Celle mit ihren rund 400 Fachwerkbauten ist einer der großen Anziehungspunkte für Touristen aus aller Welt. Das Alte Rathaus im Stadtzentrum nimmt in dieser mittelalterlichen Umgebung mit bunten Fachwerkhäusern eine Sonderstellung ein, denn das aufwändig restaurierte Gebäude präsentiert sich dem Besucher durch seine Fassadenmalereien als massiver Steinbau.

    Mit Baubeginn um das Jahr 1300 ist das Alte Rathaus eines der ältesten erhaltenen Gebäude der Stadt Celle. Die bauliche Fassung, in der es sich dem heutigen Besucher präsentiert, stammt aus verschiedenen Epochen. Der reich verzierte Nordflügel mit Ratskeller stammt aus dem aus dem 16. beziehungsweise 17. Jahrhundert, der wesentlich schlichtere Südflügel aus dem späten 18. Jahrhundert.

    Über 300 Jahre alte Illusionsmalerei entdeckt

    Die Fassade insgesamt zeigte sich bis in die 1980er Jahre recht schmucklos. Seit den späten 1930er Jahren war sie immer wieder mit einem monochromen Anstrich in Ockertönen versehen worden. Das sollte sich jedoch entscheidend ändern, als 1984 ein Neuanstrich der Fassade in Angriff genommen wurde. Dabei wurden über 300 Jahre alte Wandmalereien freigelegt: eine nur noch fragmentarisch erhaltene Bemalung aus der Renaissancezeit, die wohl im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts entstanden ist, sowie umfangreiche Malereien aus der Barockzeit, die auf Grund von gefundenen Rechnungsbelegen auf das Jahr 1697 zu datieren sind. Diese kulturgeschichtlich bedeutenden Illusionsmalereien sollten erhalten werden und dem Rathaus sein reich verziertes, originales Aussehen wiedergeben. Bis dahin war es allerdings ein weiter Weg, der nur mit Hilfe ausgewiesener Spezialisten erfolgreich beschritten werden konnte.

    Grau in Grau – alles andere als langweilig

    Das gesamte Erdgeschoss des Nordflügels war mit einer Diamantquaderung in Grautönen überzogen. Im Obergeschoss präsentierten sich in gemalten Nischen Fruchtgehänge, Löwenköpfe und Muscheln, die auf Grund der gemalten Schlagschatten sehr plastisch wirkten und damit den Eindruck eines massiven Steinhauses vermittelten. Das Gebäude hob sich dadurch deutlich von den Fachwerkhäusern in der Umgebung ab. Dies kann als Demonstration des Machtbewusstseins des Rates im 17. Jahrhundert gegenüber Fürsten und Bürgern interpretiert werden.

    Also regte die Denkmalbehörde 1984 an, die Fassadenmalereien freizulegen und zu restaurieren. Leider zeigten sich jedoch in den folgenden Jahren zunehmend schwere Schäden an der Fassade, die, wie man heute weiß, durch falsch durchgeführte frühere Restaurierungen entstanden waren. Insbesondere die restaurierten Ölmalereien vertrugen sich nicht mit dem historischen Putzuntergrund. Ab dem Jahr 2007 wurde deshalb eine umfassende Grundsanierung durchgeführt. Bei den vorausgehenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass der Putz mit den Barockmalereien zu einem großen Teil so schwer beschädigt war, dass eine Erhaltung auf der Fassade nicht mehr möglich war. Sie wurden deshalb inklusive Putz von der Wand abgelöst und anschließend konserviert. Die Originale – sofern sie erhalten werden konnten - können im Innenbereich des Rathauses bewundert werden.

    Putzsysteme und Dispersionssilikatfarbe

    Für die Nachstellung der Fassadenbemalung nach den Originalvorlagen und die fachgerechte Restaurierung des Untergrundes waren langwierige und intensive Vorarbeiten notwendig. Schon im Jahr 2005 wurden Putzmuster angelegt und ein Konzept für das Anstrichsystem und die Farbtöne entwickelt. Nach ausgiebigen Tests entschied man sich schließlich für den Einsatz eines Sanierputzes, der den Vorgaben der Wissenschaftlich-Technischen Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege entspricht. Da der Putz mit der Originalbemalung nach der Abnahme an vielen Stellen nicht mehr vorhanden war, wurden auch die restlichen Putzflächen entfernt und die gesamte Fläche anschließend komplett neu verputzt. Für die Nachstellung der Malereien wurde eigens eine Dispersionssilikatfarbe entwickelt, bei der Zink-Weiß als Weißpigment statt des heute üblichen Titandioxid zum Einsatz kam, mit der die Malereien in Lasurtechnik, zum Teil mehrschichtig, ausgeführt wurden. 2009 konnte dann die Nachstellung der Fassadenbemalung abgeschlossen werden, die nun auf Grund der aufeinander abgestimmten Putz- und Anstrichsysteme für einen langfristigen Schutz der Fassade sorgt.

    Überregionale Bedeutung

    Das Alte Rathaus von Celle bezieht seine kunst- und kulturgeschichtliche Bedeutung nicht zuletzt daraus, dass im gesamten norddeutschen Raum keine vergleichbaren Beispiele für diese Art der Fassadengestaltung mehr existieren. Deshalb war die Restaurierung der Fassade mit ihrer authentischen Nachstellung der barocken Farbfassung eine wichtige Entscheidung für die Erhaltung dieses repräsentativen Bauwerks. Grundlage für das Gelingen dieser umfassenden Restaurierung war die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Experten, die mit ihren Untersuchungen zur Baugeschichte, den verwendeten Materialien und Farben sowie den Schadensbildern die Grundlage für ein den Anforderungen der Denkmalpflege entsprechendes Sanierungskonzept geschaffen und damit ein Kulturdenkmal von überregionaler Bedeutung erhalten haben.

    Buchtipp:
    Das Alte Rathaus von Celle - Die Sanierung der barocken Fassadenmalerei, Celler Beiträge zur Landes- und Kulturgeschichte, Schriftenreihe des Stadtarchivs und des Bomann-Museums Celle, Bd, 39, Celle/Hannover 2010

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