• Die Gartenstadt Falkenberg – Farbe als architektonisches Konzept

    „Nicht allein die grüne Sommerlandschaft, sondern gerade die Schneelandschaft des Winters verlangt dringend nach der Farbe. An Stelle des schmutzig-grauen Hauses trete endlich wieder das blaue, rote, gelbe, grüne, schwarze, weiße Haus in ungebrochener leuchtender Tönung.“ (Bruno Taut, Aufruf zum farbigen Bauen, 1919)

    Etwas abseits vom Trubel der Metropole findet sich im Südosten Berlins eine der ersten Gartenstadt-Siedlungen in Deutschland. Die vom Architekten Bruno Taut  in den Jahren 1913 – 1915 realisierten Bauabschnitte der Gartenstadt Falkenberg zeichnen sich vor allem durch ihre intensive farbige Gestaltung aus. Hier setzte Taut in der von Stuck und Ornamentik dominierten wilhelminischen Zeit zum ersten Mal Farbe als entscheidendes Gestaltungsmittel in der Architektur ein. Das erregt zu seiner Zeit zwar die Gemüter, hat aber langfristig dazu geführt, dass das farbenprächtige Ensemble im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick seit 2008 zum UNESCO Welterbe gehört.

    Farbe – provozierend und identitätsstiftend

    Mit der Gartenstadt Falkenberg verfolgte Taut gleich in mehrfacher Hinsicht neue Architekturkonzepte. Der heutige Besucher von Akazienhof und Gartenstadtweg, den beiden realisierten Bauabschnitten der Siedlung, ist natürlich als erstes von der Vielfarbigkeit der Fassaden überrascht. Bei der Gestaltung der Hausfronten wurde die gesamte Farbpalette ausgenutzt, von Schwarz über ein knackiges Blau bis hin zu satten Ocker- und Rottönen. Auch wenn jedes Haus unterschiedlich gestaltet ist, so wirkt das gesamte Ensemble der Häuser trotz der oftmals starken Kontraste farblich harmonisch aufeinander abgestimmt. Diese muntere Farbigkeit wurde jedoch von vielen, die eine eher zurückhaltende Farbgebung bei Hausfassaden gewohnt waren, als Provokation empfunden, weshalb die Siedlung in der Presse alsbald und wenig schmeichelhaft „Tuschkastensiedlung“ getauft wurde. Bei Künstlern – der Expressionismus erreichte gerade seinen Höhepunkt - kam die Vielfarbigkeit jedoch gut an, und für die Bewohner selbst ist die Farbe ihrer Häuser bis heute ein Identität stiftendes Merkmal.

    Die Gartenstadt-Bewegung als Gegenentwurf

    Doch das Thema Farbe war nur ein neuer Aspekt bei dem architektonischen Entwurf der Gartenstadt. In erster Linie ging es darum, im Sinne des genossenschaftlichen Bauens die Gartenstadt-Idee umzusetzen. Das Gartenstadt-Konzept , das der Engländer Ebenezer Howard Ende des 19. Jahrhunderts propagierte, war der Gegenentwurf zum Leben in den Mietskasernen der  Metropolen, wo viele Menschen auf engstem Raum und zum Teil unter unwürdigen Bedingungen hausen mussten. Die Landflucht von Arbeitern und verarmten Kleinbauern, die in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Städte strömten, hatte seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu einem explosionsartigen Wachstum der Großstädte geführt. Nach Howards Vorstellung sollten um die Großstädte herum genossenschaftlich organisierte Gartenstädte entstehen, wo sich eine Symbiose aus städtischen und ländlichen Elementen bilden konnte. Auch das Gedankengut der zahlreichen Reformbewegungen auf der Suche nach alternativen Lebensformen, die den Anfang des 20. Jahrhunderts prägten, findet sich im Gartenstadt-Konzept wieder.

    Variable Gestaltungselemente

    Auf der Basis gemeinschaftlicher Lebensmodelle und des genossenschaftlichen Wohnens sollten in der Gartenstadt Falkenberg ursprünglich 1.500 Wohnungen für rund 7.500 Bewohner entstehen. Typisierte Haus- und Wohnungsformen mit variablen Gestaltungsmitteln und kostensparendes Bauen sollten für niedrige Mieten sorgen und gleichzeitig eine Siedlung für alle Bevölkerungsschichten ermöglichen. Von der Kleinstwohnung mit Küche, Stube und Kammer bis hin zum Bürgerhaus mit fünf Zimmern reichte die Spannbreite des Taut‘schen Bebauungsplans. Ergänzt wurde das Konzept durch  zahlreiche Grünflächen und die Zuordnung eines Kleingartens für jede Wohneinheit, mit dem sich die Bewohner zum Teil selbst versorgen konnten. Auf Grund des Ausbruchs des 1. Weltkriegs wurden jedoch im Akazienhof und am Gartenstadtweg insgesamt nur 128 Wohnungen fertiggestellt.

    Farbe als wichtigstes Gestaltungsmittel

    Um kostengünstig bauen zu können, entwarf Taut architektonisch recht schlichte Häuser, bei denen er auch auf jede Ornamentik und Stuckarbeiten verzichtete, wie sie in den 1910er Jahren üblich waren. Dafür verfügten sie über viel Licht, separate Bäder und Balkone. Annehmlichkeiten, von denen die Bewohner der Berliner Mietskasernen nur träumen konnten. Er setzte zudem Farbe als wichtigstes Gestaltungsmittel ein. Ein für die damalige Zeit revolutionäres Konzept, das Hans Poezig, Architekt und Zeitgenosse Tauts, rückblickend einordnete: „Die Farbe reinigte die Architektur von falschem Ornament und übernahm selbst dessen Rolle.“ Mit Hilfe von Farbe konnte Taut Fensterrahmen und –läden, Brüstungen und andere Elemente betonen und hervorheben. Durch die Kontraste zu den Fassadenfarben und im Zusammenspiel mit den Farben der Pflanzen in den Vorgärten und im Winter mit dem Weiß des Schnees schufen das einzigartige Farbenspiel, das heute unverändert den Reiz dieser Siedlung ausmacht. Und das war von Taut auch so geplant, denn er wollte mittels der Farbigkeit den Wohnraum ins Freie erweitern. Sogar die Wahl der Bepflanzung ordnete sich in dieses Farbkonzept ein. Zudem wurden die Fassadeoberflächen in Form von gebürstetem Glattputz ausgeführt, was ebenfalls zur Lebendigkeit der Fassaden beitrug. Taut selbst brachte sein Falkenberg-Konzept folgendermaßen auf den Punkt: „Ein heiterer Wechsel in Hausgröße und Form, zusammengehalten durch die Einheit der Dachlinie und des Materials und belebt durch eine äußerst lebhafte und zum Teil intensive Farbgebung.“ Damit vermied er auch die Eintönigkeit der Häuserzeilen wie sie beispielsweise in englischen Arbeitersiedlungen anzutreffen ist.

    Restaurierung und Denkmalschutz

    Im Zweiten Weltkrieg wurden die Häuser nur wenig beschädigt. Danach stand die Siedlung im Ostteil Berlins unter DDR-Verwaltung, die die architektonische Bedeutung im Sinne einer „proletarischen Kulturtradition“ durchaus zu schätzen wusste. Sie legte fest, dass Gärten und Häuser von den Mietern instand zu halten seien und auch die Farbigkeit erhalten bleiben solle. 1977 wurde die Gartenstadt in die Denkmalliste der DDR aufgenommen. Zwischenzeitliche Neuanstriche und Probleme bei der Instandhaltung sorgten im Laufe der Jahrzehnte dafür, dass das Wissen um die Original-Farbigkeit verloren ging. Als zu Beginn der 1990er Jahre mit der Sanierung begonnen wurde, stießen die Restauratoren jedoch auf eine Fülle von Originalsubstanzen. Zwar war zu diesem Zeitpunkt von der ursprünglichen Farbigkeit kaum noch sichtbar und die Siedlung insgesamt stark sanierungsbedürftig, doch konnten Reste der originalen Farben häufig insbesondere in den Fensterstürzen nachgewiesen werden. Die sich an den Originalbefunden orientierende Sanierung dauerte bis in das Jahr 2002. Bei der Restaurierung der Dächer, Fenster und Gärten bis hin zur Bepflanzung orientierte man sich unter anderem an alten Fotografien

    Berliner Siedlungsbauten als Welterbe

    Insgesamt gehören heute sechs Berliner Siedlungen zum UNESCO Welterbe. Die Einzigartigkeit des architektonischen Schaffens von Bruno Taut zeigt sich darin, dass allein vier dieser Siedlungen auf sein Konto gehen: Neben der Gartenstadt Falkenberg sind dies die Siedlung Schillerpark, die Hufeisensiedlung Britz und die Wohnstadt Carl Legien. An der Planung der beiden anderen Siedlungen, der Siedlung Schillerpromenade  - auch Weiße Stadt oder Schweizer Viertel genannt - und der Großsiedlung Siemensstadt, waren so bekannte Architekten wie Hans Scharoun oder Walter Gropius beteiligt.

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